Camouflage

Was vor zehn, fünfzehn Jahren der Adidasanzug war, ist heute der Tarnanzug. Die neue Männermode in Saporoshje. Die Männer im Camouflage-Outfit sehen nicht aus, als würden sie in den Krieg ziehen. Sie sitzen gegen Mittag im Park, am Rand einer kreisrunden, brüchigen Betonfläche, die vielleicht einmal als Tribüne diente. Sie trinken Bier, rauchen und schweigen. Oder sie hasten über einen Hinterhof mit einer dürren Plastiktüte in der Hand. Vielleicht wollen sie zeigen: Ich bin bereit, im Falle des Falles, zur Waffe zu greifen. Ljuba sagt, siebzig Prozent der Ukrainer im mittleren Alter haben heute eine Waffe zu Hause. Sie ist Rentnerin, und sie weiß alles über die Lage des Landes, aus dem Fernsehen. Die Männer von Saporoshje sehen aus, als wäre der Tarnanzug ihre einzige Waffe. Der eine oder andere trägt auch nur eine grünbraun gemusterte Jacke oder Hose, es gibt Camouflage-T-Shirts, -Shorts und Mützen aller Art. Auf der Halbinsel Chortiza stand neulich ein höchstens zehnjähriger Junge im Tarnanzug am Straßenrand, wirbelte seinen Rucksack herum. Gestern spielte eine Fünfjährige in rosaweißen Guerilla-Schuhen auf dem Spielplatz vor unserem Haus. Vielleicht ist Camouflage hier einfach cool.

camouflage Im Stadtbild fallen die Wald- und Wiesenhelden kaum auf. Mehr denn je sind die unwegsamen Straßen eine Bühne für den täglichen großen Auftritt der Frauen von Saporoshje. Die Stadt zerfällt, die Damen tragen Ballkleider. Modeschulen aller Welt sollten exklusive Reisen in die Industriestadt am Dnepr organisieren: Entdecke die Vielfalt des persönlichen Stils! Der Lenin-Prospekt ist mit mehr als 10 km nicht nur eine der längsten Hauptstraßen in einer europäischen Stadt, er ist auch der längste Laufsteg der Welt. Von Zero-Size-Models hat man hier allerdings noch nie etwas gehalten; genauso wenig von ewiger Jugend. Lachend hastet eine üppige Mittfünfzigerin in sattem Rot über den Prospekt und schämt sich nicht für ihren bebenden Bauch unter dem glänzenden Kleid. Am Majakowski-Platz führt eine alterslose Blondine in durchscheinendem Pink ihre Giraffenbeine spazieren. Die Rentnerinnen in ihren Kittelkleidern mit passendem Gloss auf den Lippen und Lack auf den Finger– und Fußnägeln sehen aus wie der Frühling selbst. Die Methodistin im Kindergarten könnte als böse Königin auftreten mit ihrer weißen Lockenmähne und dem Kleid in den Farben eines ausbrechenden Vulkans. Junge Radfahrerinnen in schlichten T-Shirts und kurzen Shorts kreuzen das Bild. Unter ihren Rädern schließt sich der rissige Asphalt für die Länge eines Wimpernschlags, und schon sind sie verschwunden wie Fabelwesen aus einer anderen, schwerelosen Welt. Man sieht sie hin und wieder in Richtung der Chortiza radeln. Auf den maroden Brücken zur Insel im Dnepr patroillieren Uniformierte mit Gewehr. An jedem Brückenende stehen Buden, auf denen die blaugelbe Fahne der Ukraine weht. Auch auf dem gigantischen Lenin-Staudamm im Rücken des gigantischen Lenin-Denkmals steht so eine Hütte, aus der Männer im Tarnanzug herausschauen. Ihre Kampfmontur sitzt enger als die Camouflage-Kluft des Anglers ein paar Meter weiter. Sie tragen keine ukrainischen Hoheitszeichen und zeigen auf die zweite Fahne an ihrem Wachhäuschen, moosgrün-dunkelrot mit der Aufschrift «Sila Natsii», Kraft der Nation. «Nationale Bürgerbewegung», erklärt ein vielleicht Fünfzigjähriger mit schwarzem Schurrbart und macht ein Gesicht, als sollten wir schleunigst weiterfahren. Camouflage ist hier nicht einfach cool. Es sieht so aus, als hätte sich der eine oder andere einfach entschieden, Krieg zu spielen. Der eine mehr, der andere weniger ernsthaft.

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