Camouflage (2)

Nagelneuer Stacheldraht, blaugelbe Fahnen, breite Informationstafeln vor einem Gebäude in einer Seitenstraße des Lenin-Prospekts, im Herzen der Stadt. Den Eingang verdeckt ein frisch gemauerter Schutzwall, so glatt und sauber, als stamme er aus einem Freilufttheater. Vor dem Stacheldraht stehen Männer in Tarnanzügen und warten darauf, einzeln eingelassen zu werten. Sie sind sechzig Jahre oder älter, einer mit Bart und Bauch ist eher Mitte Vierzig.

«Entschuldigen Sie die Frage: Stehen Sie hier, weil Sie einberufen wurden?»

– «Wir haben uns freiwillig gemeldet. Ein paar von uns waren auch beim Maidan dabei.»

«Haben Sie keine Angst?»

– «Wovor sollen wir Angst haben?»

– «Wer einmal im Krieg war, den schreckt nichts mehr. Wir haben schon in Afghanistan gekämpft.»

Wache, ernste Augen in einem schmalen Gesicht. Keiner, der Krieg spielen möchte.

– «Wir sind russischsprachige ukrainische Nationalisten, wenn Sie so wollen. Wer uns Faschisten nennt, der soll was auf’s Maul kriegen. Die Banderovtsy sind vielleicht Faschisten, wir nicht.»

– «Wir verteidigen Sie, die Kinder hier, einer muss es machen.»

«Wir sind aus Deutschland.»

– «Das dachte ich mir, ich hatte Deutsch in der Schule. Ist lange her.»

– «Wir sind Eurer Kanzlerin Merkel dankbar, dass Sie sich so klar gegen Putin ausgesprochen hat. Dass sie die Einnahme der Krim nicht anerkennt. Sie sagt, sie kann keine Waffen liefern. Naja.»

«Wissen Sie, wie man Krieg führt?»

– «Die meisten hier hatten vor 30 Jahren das letzte Mal eine Waffe in der Hand. Als wir gedient haben.»

«Werden Sie auf den Kampf vorbereitet?»

– «Man bereitet uns vor. Wir haben schon einen zweiwöchigen medizinischen Kurs nach NATO-Vorgaben hinter uns. 85 % sterben ja nicht im Kampf, sondern an Blutverlust nach Verletzungen, weil sie die medizinischen Handgriffe nicht kennen.»

«Warum heißt der Kampf im Donbass ‚ATO‘, ‚Anti-Terror-Operation‘, und nicht Krieg?»

– «Weil der Kriegszustand nicht offiziell erklärt wurde. Im Kriegszustand könnten keine Parlamentswahlen stattfinden. Es gäbe wahrscheinlich keine Zahlungen des Internationalen Währungsfonds.»

– «Wir haben ja im Moment auch eine sehr schwierige finanzielle, soziale Lage im Land.»

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«Stimmt es, dass jeder, der sich an der ATO beteiligt, selber eine Uniform kaufen muss?»

– «Inzwischen wird einem alles gegeben. Das war vor einem Jahr noch anders.»

«Also haben Sie diese Uniformen bekommen?»

– «Meine ist selbst gekauft», sagt der ernste schmale Mann, als sei es eine Frage des Prinzips.

Ein anderer in Zivil, groß, graumeliert, Schnauzer, zeigt die Tarnkleidung in den Plastiktüten, die er trägt.

– «Alles selbst gekauft.»

«Stimmt es, dass die Soldaten unbegrenzt mit Vodka versorgt werden?»

– «Es gibt ein Alkoholproblem. Aber es wird nicht gefördert. Man versucht, dagegen vorzugehen.»

«Was sagen Ihre Frauen dazu, dass Sie in den Krieg gehen?»

Schweigen.

– «Sie sagen verschiedenes.»

– «Meine Frau sagt gar nichts. Sie hat schon mit 17 auf mich gewartet, als ich in Afghanistan war.»

«Was arbeiten Sie?»

– «Ich leite ein mittleres Unternehmen. Eine Betonfirma.»

– «Ich bin Stahlarbeiter.»

«Können Sie mir Ihre Telefonnummer geben? Wir würden gern wissen, wie es Ihnen dort ergeht.»

– «Bestimmt nicht. Telefongespräche werden abgehört. Man macht sich sofort zum Ziel.»

– «Viele rufen ja nicht einmal ihre Frau an von der Front.»

«Alles Gute.»

– «Sagen Sie in Deutschland, dass wir Unterstützung brauchen.»

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