Berdiansk

«Komm, komm! Komm zu mir!» Hastig drängt uns der Mann in sein Haus auf der «Proletarischen Straße», über den Hof voller Bauschutt, eine Tür nach der anderen reist er auf, so viele freie Zimmer. Hier der Plasmabildschirm, dort der Sonnenuntergang im Goldrahmen an der Wand. «Schauen Sie doch nur, wie sich das Bild in der Decke spiegelt!»

Die Vermieter haben einander genau im Blick, sie wissen, wer noch eine Terrasse, eine eigene Küche, einen Sandkasten zu bieten hat. Die Häuser stehen dicht an dicht, zum Strand sind es hundert oder fünfzig oder fünf Meter, quer über den staubigen Weg und die Schienen, auf denen mehrmals am Tag ein Güterzug fährt, der schwarze Rußwolken über die Häuser und den Strand legt.

«Gefällt Ihnen das Zimmer nicht? Kommen Sie, ich zeige Ihnen noch eins.» Für 350 Grivna, für 300. Wir wollen nicht blieben, und er will es nicht wahrhaben. Sieht uns mit hängenden Schultern nach, braungebrannt, das Hemd spannt überm Bauch, in Shorts und Latschen steht er vor seinem Tor, neben einem kleinen Holztisch, auf dem zwei Plastikflaschen in der Sonne schmoren. «Hauswein» steht in großen schiefen Buchstaben auf einem Pappschild.

Berdiansk war einmal das zentrale Sommerbad am Asowschen Meer, diesem flachen, kaum salzigen und früher bestimmt auch sauberen Kinderpool des Schwarzen Meeres. Heute ist Berdiansk ein Städtchen im Kriegsvorland, 80 km von Mariupol entfernt. Es hält den Atem an. Von den Kämpfen in der ATO-Zone sieht und hört man nichts. Der Krieg ist ein abwesender Anwesender. Die Badegäste, von denen der Ort lebt, sind bloß abwesend. Die Saison hat begonnen, es sind Schulferien und an die 30 Grad. An jedem zweiten Tor hängt ein Zettel: «Zimmer frei»; «Ferienwohnung zu vermieten; «Voller Komfort»; «Ljuks».

«Letztes Jahr kamen schon keine Russen mehr, dafür aber sehr viele Flüchtlinge, die blieben den ganzen Sommer», sagt die junge Frau an der Rezeption des Hotels, für das wir uns am Ende entscheiden. Den Winter über war nur die OSCE im Hotel, ihr Auto steht unten auf dem Parkplatz.

Vielleicht kommen die Urlauber noch. Wenn das Meer sich etwas erwärmt hat, wenn die Spielautomaten an der Strandpromenade installiert sind und die Autoscooter-Anlage in Gang gebracht sein wird. Es wird gehämmert und geschweißt. Berdiansk wartet.

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Die Lenin-Statue am Lenin-Prospekt ist seit Januar abgeräumt. Vor dem leeren Sockel stehen Spielautos in Reih und Glied. Ein junger Typ mit Kopftuch und nacktem Oberkörper bietet Schiffstouren über ein laut krächzendes Megaphon an. Das Holzschiff liegt am Quai und bewegt sich nicht.

Am Strand allerdings wird es eng. Die Berdiansker gehen schon seit Mai baden, sagt die Fremdenführerin, die jeden im Ort zu kennen scheint und uns gern für ein paar Prozente an einen Vermieter vermittelt hätte. Die Leute liegen still im spitzen Muschelsand, nippen an ihren Plastikbierflaschen oder kühlen die verbrannte Haut für ein paar Minuten im Meer. Nur die Kinder toben ausgelassen im Wasser.

Auf der Rückfahrt über die Dörfer erfahren wir, dass die Gasleitung in den Bezirk Berdiansk in der Kriegszone zerstört wurde. «Wir haben erst seit 10 Jahren Gas», sagt eine 85jährige Frau auf der Bank vor ihrem Häuschen. «Jetzt müssen wir wieder aufs Gas warten.»

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