Sho?

Sho eto takoje? – Was soll das?

Sho tebe nado? – Was willst du?

Sho ty skazal? – Was hast du gesagt?

In Saporoshje wird Surzhyk gesprochen und «sho» ist das Codewort für diesen Zwitter aus Russisch und Ukrainisch. Eine Promenadenmischung, 75 % Russisch, 15 % Ukrainisch, 10 % Sho.

Die pensionierte Lehrerin erklärt: «Surzhyk ist keine Mischung aus Russisch und Ukrainisch. Auf Russisch fragt man ’shto?‘; auf Ukrainisch ’shshjo?‘ Surzhyk hat weder die russische Schärfe, noch die ukrainische Eleganz.»

«Shosho» fragen nur die Odessiten, sagt Ljuba. «Na die Juden».

«Da sho eto takoje!», kommentiert sie die Nachrichten des Tages.

In Saporoshje wird Russisch und Ukrainisch gesprochen.

Die 75jährige Lehrerin sagt: «Wenn ich meine ersten Schüler treffe, dann lobe ich sie immer für ihr Russisch. So sauber, so ausdrucksstark! Früher wurde darauf noch Wert gelegt.»

In der Meldestelle teilen sich eine russisch- und eine ukrainischsprachige Mitarbeiterin das Büro. Sie verstehen einander problemlos. Für einen Antrag auf Akteneinsicht muss ich ein Formular auf Ukrainisch ausfüllen und soll eine ukrainische Übersetzung meines Reisepasses vorlegen. Die Personen, nach denen ich suche, heißen auf Ukrainisch anders als sie zu Lebzeiten hießen. Die Mitarbeiterinnen der Meldestelle erklären mir auf Russisch, was sie in ihrer Datenbank auf Ukrainisch gefunden haben.

Ljuba kann sich keine Medikamente aus dem Ausland leisten. Medizin aus der Ukraine ist Ukrainisch beschriftet. Sie studiert den Beipackzettel und ahnt, was drin steht.

Auch im russischen Belgorod, sagt Ljuba, woher ihre Familie ursprünglich stammt, wird Ukrainisch gesprochen. Sie selber ist in Wladiwostok geboren.

Die Spezialistinnen im städtischen Archiv von Saporoshje telefonieren mal in sehr klarem Russisch, mal in flüssigem Ukrainisch, vollkommen mühelos.

Die Archivleiterin ist Putin dafür dankbar, dass er bei den Ukrainern ein Nationalbewusstsein geweckt hat. «Wer sich nach den guten alten Zeiten sehnt, verwechselt Ethik mit Ästhetik. Sie denken an die kostenlosen Gewerkschaftsreisen ans Meer, die kostenlose medizinische Versorgung, die Feiern im Betrieb oder in der Schule. Sie vergessen, dass es keine Ethik der freien, persönlichen Entwicklung gab.»

Die dreizehnjährige Diana besucht eine ukrainische Schule und spricht zu Hause Russisch mit Surzhyk-Einschlag. Wie jedes andere Fach wird auch Englisch auf Ukrainisch vermittelt. Ihr Vater schüttelt den Kopf: «Wie kompliziert das ist, Englisch erst auf Ukrainisch zu übersetzen und dann im Kopf noch ins Russische.»

Dianas Englisch ist ganz gut. Ihr Vater zerbricht sich den Kopf, wenn er ein offizielles Papier auf Ukrainisch ausfüllen muss. Er kann noch ein bisschen Deutsch aus seiner Schulzeit: «Einszweidrei.»

Im Dorf östlich von Saporoshje, auf halbem Weg nach Berdiansk, sitzt Ljudmila Ivanovna auf der hellblauen Bank vor ihrer Hütte und erzählt, wie sie 1946 mit zehn Jahren ins Kinderheim kam. Dass das Heim überfüllt war, dass alle Kinder wegen der Läuse kahlgeschoren wurden, dass die Kinder, die nicht überlebten, in eine Grube auf dem Friedhof geworfen wurden, verstehe ich. Ljudmila Ivanovna spricht Ukrainisch wie alle hier. Der Hunger der Nachkriegsjahre klingt überwindbar aus ihrem Mund. Das ukrainische Vokabular neckt und liebkost. Sie erzählt, als würde sie singen. Auf meine russischen Fragen reagiert sie kein einziges Mal mit «sho?»

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